1. Kapitel „Keepers“

Hier

ist das erste Kapitel meines (abgebrochenen) Projekts „Keepers“. Der Text ist noch aus meinen „unerfahrenen“ Jahren, bitte nicht wundern!

Viel Spaß beim Lesen!

 

„Nochmal!“

Marija keuchte. Noch einmal nahm sie alle Kraft zusammen und warf sich gegen Dean. Dieser taumelte ein paar Schritte nach hinten, konnte aber blitzschnell wenden und stellte ihr ein Bein. Marija stolperte etwas hilflos darüber und öffnete ihren Mund zu einem überraschten Aufschrei, doch im nächsten Moment kam sie schon auf dem harten Boden auf. Trockener Staub wirbelte herum und brachte die Schülerin des Sonnenvolkes zum Husten. Ihre Haut wurde von dem rissigen Boden und den kleinen Steinchen darauf zerkratzt. Es brannte, doch sie schluckte den Schmerz hinunter und stemmte sich mit den Armen auf, damit sie den Kopf heben konnte.

„Ich weiß,“, etwas benommen spuckte sie einen Kieselstein aus, „, das war schlecht.“

„Das war mehr als nur schlecht.“ Vor Marijas Augen erschien eine Hand. Notdürftig griff sie danach und ließ sich von ihrem Adjutanten Fedor wieder auf die Beine ziehen. Sie wagte es kaum, ihm in die Augen zu schauen. Wenn Fedor etwas konnte, dann anderen ein schlechtes Gewissen machen. Die Hand, welche ihr vor wenigen Sekunden aufgeholfen hatte, griff sie nun etwas grob an der Schulter. „Dean hätte dich in dem Moment mühelos abstechen können. Du wärst in Null-Komma-Nichts tot gewesen.“

„Ich weiß doch.“ Marija konnte jetzt nicht anders, sie musste ihn ansehen. Fedors nadelgrüne Augen musterten sie vorwurfsvoll. Mit diesem Blick war es schwer, ihn zu überzeugen. „Aber wie soll ich das denn auch parieren?“

„Springen, Mädchen. Du musst springen!“ Die andere Hand des Wächters packte Marija jetzt ebenfalls und er sah aus, als würde er seine Schülerin am liebsten durchschütteln. Genau das mochte Marija am Kampftraining nicht. Fedor wurde schwierig, wenn es um das „Auf-das-Überleben-Vorbereiten“ ging. Bei der Ausbildung ging es immer schon hart zu, das wusste sie. Aber sie war nun mal nicht unbedingt zur Wächterin geboren.

„Ist schon gut, Fedor“, hörte Marija Dean’s Stimme hinter sich. Erleichtert seufzte sie leise, als ihr langjähriger Freund sich neben sie stellte. Wenigstens einer, der ihr beistand.

„Man kann seine Augen ja nicht überall haben“, versuchte Dean zu erklären, „und mein Angriff war wirklich etwas unfair.“ Freundschaftlich legte er Marija eine Hand auf die Schulter.

„Hier geht es nicht um Fairness. Hier geht es ums Überleben!“ Das war in Marijas Augen das Lebensmotto ihrer Adjutanten. Sie wusste gar nicht, wie oft sie es schon von ihm gehört hatte. Sie wollte leben, nicht überleben. Aber Fedor ließ noch lange nicht locker. „Was wäre, wenn du von einem Feuervolk-Wächter angegriffen wirst und er dir ein Bein stellt! Schreist du dann auch: Warte, das war unfair?“ Fedor stieß einen verächtlichen Laut aus. „In der Zeit bist du längst tot, verdammt!“

Marija reichte es. Sie schüttelte Fedors Hände ab, drehte sich um und lief Richtung Ältestenviertel. Doch Fedor war schneller. Ein letztes Mal packte er sie am Arm. „Das Training für heute ist erst einmal beendet. Geh dich ausruhen, du scheinst anscheinend etwas Schlaf zu gebrauchen.“

Der Griff von Marija’s Adjutanten löste sich von ihrem Arm. Er hat Recht. Sie verstand nicht wirklich, warum Fedor sich immer so aufregte und mit dem letzten Satz, den er sagte, die Vermutung erhob, dass es ihm wirklich nur um das Wohl seiner Schülerin ging.

Wüsste man es nicht besser, könnte man sich einfach sagen, dass Fedor halt ein zwiegespaltener Charakter sei: Einmal streng und impulsiv, ein anderes Mal loyal und beherrscht. Aber als Schülerin des Wächters seit immerhin fünf Sonnenläufen wusste Marija, dass noch etwas anderes dahinter steckte. Nun gut, als gleichzeitiger Vertreter des Anführers und Volkes musste man vermutlich eine gewisse Reife darlegen, aber Marija dachte eher, dass es speziell etwas mit ihr und ihrer Herkunft zu tun hatte.

Sie redete nicht wirklich gern darüber. Mehr noch, niemand hier redete wirklich gern darüber, wo Marija herkam und wer sie eigentlich war. Ihr bester Freund Dean, der der Einzige ist, mit dem sie manchmal darüber redet, meint, dass es auch ganz egal wäre. Schließlich wäre sie eine treue Sonnenvolk-Gefährtin und ihr Anführer Bujuke erkenne sie an. Allerdings bohrte sich die Frage nach dem wer und warum immer tiefer in Marijas Seele ein.

Sie hatte keine Eltern. Okay, die Formulierung ist etwas fragwürdig, schließlich hat jeder Mensch Eltern, aber hier sagte man halt, wenn man seine Eltern nicht kannte, man habe keine. Im Sonnenvolk war die Unwissenheit über seine Herkunft keineswegs ein Einzelfall. Die Meisten von Marijas Gefährten wussten nicht, wer ihre Eltern waren. Und wenn doch, kannten sie meistens nur einen Elternteil. Von Schura wusste sie, dass es nicht nur im Sonnenvolk, sondern in allen anderen Stämmen, Völkern und Clans auch so war. Schura war eine Älteste ihres Volkes, deswegen musste sie es ja wissen.

Aber bei Marija war es mehr, und sie war fest davon überzeugt herauszufinden, wie viel mehr. Eigenhändig versuchte sie so viele Informationen wie möglich zu erhalten. Nicht alle auf einmal, sondern langsam über die Sonnenläufe hinweg. Zum Beispiel führte sie oft Gespräche mit dem Ältesten Kusukela, dem großen Bruder von Bujuke. Kusukela, der von allen nur ‚Kusuke‘ gerufen wurde, redete oft und gern über seine Vergangenheit. Viel über seine alten Tage als Wächter, von dem harten Leben zwischen dem Dualismus der Clanbildenen Völker, aber auch von der Geschichte seiner Volksgefährten. Marija hatte bisher nicht viel mehr als die Tatsache, dass sie wirklich unter ‚anderen‘ Umständen hier lebte als alle anderen hier im Volk, herausgefunden. Doch sie war fest entschlossen, ihr kleines oder großes Geheimnis zu lüften.

Inzwischen war sie in ihrem „kleinen Heim“, wie Schura Marijas Schlafplatz nannte, angekommen. Die Hütten im Schülerviertel waren wie jedes Haus hier im Dorf aus dicken, alten Holzbalken gebaut. Wohnhütten waren meist durch eine Trennwand durchtrennt, sodass zwei Schlaf- und Wohnräume pro Hütte vorhanden waren. Den Namen ‚kleines Heim‘ hatte Marijas Schlafhütte bekommen, weil sie, nicht wie üblich, alles schlicht hielt und sich nur zum Schlafen hier hinein begibt. Nein, Marija hielt sich gern hier auf. Sie hat sich im Laufe der Zeit einige Möbel angeschafft, ein wackeliges, kleines Regal und einen winzigen Tisch, bei dem man sich hinknien musste, um daran zu arbeiten. Außerdem malte Marija unheimlich gern. Sie fand kaum Zeit dafür, schließlich war sie mitten in ihrer Ausbildung, aber wenn sie Zeit hatte, zauberte sie auf dünnen Holz- oder Steinplatten mit Steinen und Borstenpinseln Menschen, Tiere und Pflanzen. Farbe war hierbei zwar nicht so oft zu haben, aber die kleinen Kerben, welche die Steine auf ihren Zeichnungsplatten hinterlassen, reichten ihr vollkommen. Ihre Zeichnungen hängte sie dann an die Wand, und welche nicht mehr dorthin passten, kam auf dem Stapel neben dem Eingang.

Marija saß auf dem Holzboden und betrachtete die oberste Zeichnung des Stapels. Mit weiß eingeritzten Steinkerben war eine Frau mit langem Haar und einer Toga, allerdings ohne Gesicht zu sehen. Es war die Frau aus Marijas Träumen. Manchmal träumte sie von nahezu absurden Situationen, Albträume, die nicht nach zu vollziehen waren. Und immer war diese Frau dabei. Menschen zu malen, die eigentlich gar nicht da sind, brachte für Marija ein beruhigendes Gefühl mit sich. Doch die baldige Wächterin wusste, dass damit nicht zu scherzen war.

Draußen wurde es dunkel. Durch die Spalten, die der Vorhang am Hüttenausgang hinterließ, schimmerte das Rot des abendlichen Himmels. Marija seufzte. Wenn es Nacht wurde, versammelten sich die Dorfbewohner am Feuerplatz und aßen, tranken, redeten über den Tag. Für Marija war das die schönste Zeit des Abends, wenn das Gefühl von Gemeinschaft sie durchdringt und ausfüllt. Schnell nahm sie ihren Umhang und schob den Ledervorhang beiseite, dann rannte sie den Stimmen und dem roten Licht des knisternden Feuers entgegen.

∼ Annelie

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