Fast schon wie neu

Jonas wünschte sich, sein Besuch würde wieder verschwinden.

Er wusste nichts. Das müsste Herr Dr. Kohlinger eigentlich schon durch sein demonstratives Kopfschütteln gemerkt haben. Fragen wie Weißt du, was dein Lieblingsessen ist? Oder Magst du vielleicht Fußball? konnte er nicht beantworten. Dinge wie Vertraue uns, wir helfen dir wollte er nicht hören. Er wusste nichts. Er wollte nichts. Der Doktor und seine zwei reizenden Schwestern sollten einfach wieder gehen.

Besonders mochte es Jonas nicht, wenn er mit seinem Namen angesprochen wurde. Er hasste diesen Namen. Für ihn war er nichts weiter als ein Stück Müll, dass schon lange entsorgt worden ist, zusammen mit Jonas‘ altem Ich.

Als er vor sechs Tagen in genau diesem Zimmer die Augen öffnete, war es für ihn wie der erste Augenblick seines Lebens. Die ersten Momente waren wunderbar gewesen. Die Sonne hatte in sein Zimmer geschienen und die bunten Farbblumen an der Wand beleuchtet. Vögel hatten fröhlich gesungen, und er war ganz allein in diesem Paradies gewesen.

Und dann sind drei Menschen eingetreten. Der Herr Doktor, der von allen Rye genannt werden wollte und die zwei Krankenschwestern.

Alle drei hatten einen Riesenwirbel gemacht, gefragt, wie er sich fühle, ob er Hunger hatte, dass es ja so schön wäre, dass er wieder wach ist und so weiter.

Dann hatte Rye gefragt, ob Jonas wüsste, was passiert war.

Und Jonas hatte mit dem Kopf geschüttelt.

Amnestisches Syndrom, stand mit großen Lettern auf dem Zettel an seinem Bett, direkt neben dem Wörtchen „Diagnose“. Der Doktor meinte, Jonas hätte seine Erinnerung verloren und weil er sich sehr erschrocken hätte. Schock nenne man das. Warum er sich so sehr erschrocken hatte, hatte Rye nicht gesagt. Er hatte nur noch gefragt, ob Jonas etwas unklar wäre und ob er Fragen hätte. Natürlich hatte er die. Hunderte, Tausende, doch er wollte nicht reden. Er mochte Rye nicht besonders. Er vertraute ihm nicht.

Von diesem Tag an war Rye jeden Tag gekommen und hatte Jonas etwas erzählt, gefragt und ihn untersucht. Immer wenn jemand kam, selbst, wenn man ihm Essen brachte, wurde er gefragt „Kannst du dich an etwas erinnern?“ Langsam nervte es. Jonas winkelte seine Beine an und schwieg.

Der Doktor sah ihn mit großen Augen an. „Du willst also immer noch nicht reden? Kannst du reden? Hast du es mal versucht?“

Jonas schwieg. Rye seufzte.

„Wir sollten gehen“, wies er seine Assistentinnen an. Er stand auf und sah mit missbilligendem Blick auf Jonas herab. „Du willst dich gar nicht erinnern, Jonas, stimmt’s? Hör mal, du bist erst sieben und noch jung. Wenn du dir dein Leben nicht versauen willst, solltest du es versuchen.“

Jonas warf Rye einen bösen Blick zu. Der junge Doktor runzelte die Stirn.

„Na schön. Wie du willst. Dann eben nicht.“ Zusammen mit den Schwestern verschwand er auf den Gang und schloss die Tür.

Jonas seufzte erleichtert. Endlich war er wieder allein.

Es brachte nichts. Es war schließlich nicht so, dass Jonas nicht versucht hätte, den Rat des Doktors zu befolgen und sich wieder zu erinnern. Jedes Mal, wenn er etwas sah, benutzte oder aß fragte er sich: „Kenne ich das? Habe ich das schon mal gesehen? Habe ich das schon mal getan?“ Doch nie hatte er eine Antwort bekommen. Jonas fand seinen Kopf blöd.

Er hatte hier auch keine Freunde. Jedes Mal, wenn er in das Spielzimmer ging, welches direkt am Ende des Ganges war, spielte er allein. Zwar haben ihn schon Kinder angesprochen. Doch er redete nicht mit ihnen. Jonas hatte beschlossen, dass er kein Wort sagen würde, nicht ein einziges, bis sein dummer Kopf sich wieder erinnert.

Jonas durfte auch nicht raus in den Park gehen. Rausschauen, ja, dazu brauchte er nur nach rechts zu gucken, das Fenster raus. Dann sah er den kleinen Innenhof, dessen Boden aus schönen, grünen Gras bestand, auf dem Bäume, Büsche und Blumen wachsen. Dann sah er, wenn er Glück hatte, die kleinen Vögel auf den Ästen sitzen oder über den Boden hüpfen. Einer saß sogar ab und an auf seinem Fensterbrett. Er war klein, braun und seine Brust war von einem roten Streifen bedeckt. Er kam nur, wenn es draußen ruhig war und keine anderen Patienten der Kinderstation hier draußen spielten.

Jonas spielte nicht. Er hatte sich am Bein verletzt. Ohne Krücken konnte er nicht laufen. Herr Dr. Kohlinger sagte, er müsse es schonen. Wenn er zum Spielzimmer wollte, dann nur mit Rye’s Hilfe. Zwei Gründe mehr, warum Jonas nicht oft dort war.

Das Klacken der Zimmertür unterbrach Jonas‘ Gedanken. Doch er schaute nicht auf, sondern starrte weiter auf seine Bettdecke. Wahrscheinlich war das nur wieder eine der Schwestern, die Jonas sein Essen bringt. Gleich würde eine Frage folgen, die Jonas ignorieren würde, und in weniger als einer Minute wird er mit seinen Gedanken wieder alleine sein.

Doch so kam es nicht. Im Augenwinkel sah Jonas einen Arm, welcher sein Essen auf den kleinen praktischen Tisch, der an seinem Bett befestigt war, stellte. Die Person setzte sich auf sein Bett.

„Na, Kleiner? Hunger?“

Jonas konnte nicht anders. Die Stimme der Schwester klang so fröhlich und vertrauenerweckend, dass er seinen Blick von der Decke lösen und ihr ins Gesicht schauen musste.

Er fand sie wunderschön.

Ihre Augen waren genau so dunkel wie ihre langen Haare, doch sie waren klar und freundlich. Sie hatte eine kleine, spitze Nase und einen schmalen Mund, den sie zu einem fröhlichen Lächeln geschwungen hatte. Ihr Kopf war rund mit einem zugespitzten Kinn. Ihre dunkle Haut bildete einen guten Kontrast zu dem schneeweißen Kittel, den sie anhatte. Alles an ihr gefiel Jonas sofort.

Die Schwester kicherte. „Nicht sehr gesprächig, mh? Aber essen tust du trotzdem, oder?“

Jonas nickte wie in Trance. Die Frau schob den Tisch vor Jonas und nahm den Deckel der Essensdose ab. Jonas nahm sich den Löffel und begann, im Kartoffelbrei herumzumanschen. Die Schwester betrachtete ihn eine Weile.

„Mein Name ist Anya.“, sagte sie schließlich. „Ich bin neu hier in der Kinderstation und soll mich ein wenig um dich kümmern. Ist doch bestimmt blöd, wenn ständig irgendwelche anderen Schwestern hier reinkommen, die du nicht kennst, stimmts?“

Jonas sah Anya mit großen Augen an und nickte. Anya nickte zurück.

„Deshalb werde ich das jetzt alles übernehmen. Ähm…“ Die Schwester stand auf und nahm sich den Zettel, den Dr. Kohlinger ans Bett gehangen hatte. „Jonas, richtig?“

Jonas schüttelte den Kopf. Die Schwester blickte unsicher noch einmal auf den Zettel. „Aber hier steht…“ Dann kratzte sie sich am Kopf und machte ein verständnisvolles Gesicht. „Amnestisches Syndrom. Du weißt nicht, wie du heißt.“

Jonas nickte heftig mit dem Kopf.

„Und deswegen willst du auch nicht mit einem Namen angesprochen werden, der für dich… naja…. fremd ist, stimmts?“

Jonas nickte erneut.

„Gut, dass verstehe ich.“ Seufzend setzt sich Anya auf sein Bett und fuhr sich durch die Haare. Dann lächelte sie. „Wie wäre es, wenn wir uns einen neuen Namen für dich ausdenken. Jonas steht zwar jetzt schon in deiner Krankenakte und überall, aber wir müssen dich ja nicht zwangsläufig so nennen.“ Anya lächelte noch breiter. „Wie willst du denn genannt werden?“

Jonas stutzte. Er hatte sich nie darüber Gedanken gemacht, wie er gern heißen würde. Mit großen Welpenaugen starrte er Anya an. Diese musste kichern.

„Du bist echt niedlich. Pass auf, ich mache Vorschläge und du nickst oder schüttelst den Kopf, klar?“

Jonas bejahte mit einem weiteren Nicken.

„Gut, ähm… willst du vielleicht etwas ganz normales? So etwas wie „Tim“, zum Beispiel?“

Der Junge schüttelte den Kopf. „Jonas“ war normal genug.

„Gut,“, fuhr Anya fort. „Vielleicht einen Doppelnamen? „Luca-Leon“, zum Beispiel.“

Jonas verneinte erneut. Anya zog eine Grübelfalte auf der Stirn.

„Dann also lieber etwas ungewöhnliches. Wie wäre es damit: du schreibst mir auf, was dein Name für eine Bedeutung haben soll. Dann übersetzen wir den Begriff mit meinem Handy in ganz viele Sprachen. Der fremdsprachliche Begriff, der sich am besten anhört, nehmen wir.“

Jonas nickte begeistert. Genau so etwas hatte er sich vorgestellt. Anya zog ihr Handy aus der Tasche und öffnete eine App.“Dann tippe mal ein.“

Jonas nahm ihr Handy in die Hand. Er hatte so etwas schon einmal gesehen, dass wusste er. Neugierig tippte der kleine Patient mit dem Finger auf das linke, weiße Kästchen und eine Tastatur erschien. Er überlegte kurz, dann tippte er das erste Wort.

Z-U-R-Ü-C-K-G-E-L-A-S-S-E-N

Es war das, was er seit er aufgewacht ist, spürte. Er fühlte sich allein. Zurückgelassen. Der Name würde gut passen.

Dennoch sah ihn Anya mit einem traurigen Blick an, während er die Sprachen durchging.

Arabisch: tarakt wara’aha

Nepalesisch: Tyāgēkā

Suaheli: kushoto nyuma

Jonas tippte auf Letzteres. Anya schrieb sich Sprache, Begriff und Übersetzung auf. “An deiner Stelle würde ich noch etwas anderes versuchen, ja? Wenn du mit diesem Namen herumläufst, wird dich das immer nur deprimieren.” Sie schaute ihm tief in die Augen. “Das Leben geht weiter, Jonas.”

Er nickte und tippte das nächste Wort ein.

N-E-U

Auch das passte irgendwie zu seinen Gefühlen. Er fühlte sich neu. Er wusste, dass er ein anderes Leben hatte, ein altes Leben. Aber es wahr unwirklich, verschwommen. Jonas war jetzt neu. Und musste deshalb auch den alten Namen loswerden.

Er ging die Sprachen durch.

Irisch: nua

Gujarati: Navā

Polnisch: Nowy

Jonas seufzte. Das klang alles blöd. Aber es gab einen Namen, der ungefähr so wie zahlreiche Übersetzungen. Jonas tippte ihn in das erste Feld ein und zeigt ihn Anya.

„Noah“, las sie vor. „Ein schöner Name. Also, pass auf.“ Sie schaute auf ihren Zettel. „Dein neuer ‚Deckname‘. Vorname Noah, Nachname Nyuma… weil ich in deinen Augen sehe, dass du diesen Vorschlag einfach nicht verwerfen willst.  Wie wär’s?“

Noah Nyuma. In Jonas Ohren klang das wunderbar. Mit Anya’s Stimme ausgesprochen erst recht. Er nickte.

„Klasse!“ Anya sprang auf. „Dann isst du in Ruhe auf, und ich sehe zu, dass ich meine erste Untersuchung vorbereitet kriege, okay?“

Die Krankenschwester wollte gerade gehen, da packte Jonas sie am Kittel.

„Ist noch etwas? Verwundert sah Anya auf ihn herab.

„Danke“, flüsterte Jonas ihr zu. Anya musste lächeln.

„Du hast dein erstes Wort sehr schön und sorgsam ausgewählt, Noah.

Willkommen in deinem neuen Leben.“

Damit ging sie durch die Tür. Zum ersten Mal empfand Jonas die Stille als beunruhigend.

Ach, stimmt ja.

Jonas war ja jetzt nicht mehr Jonas.

Jonas war ja jetzt Noah.

 

Jetzt war sein Leben fast schon wie neu.

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