NW (1) – Beginning of the End

Wundert euch nicht über das „NW“…. es bedeutet NightWatchers…

Ich erwachte durch meinen eigenen Schrei. Instinktiv sprang ich auf, nur um das Gleichgewicht zu verlieren und sofort wieder hinzufallen. Kurzerhand beschloss ich, auf meinem grasgrünen Zimmerteppich liegen zu bleiben und zu horchen, ob ich jemanden geweckt hatte.

Nichts zu hören.

Schwer atmend und immer noch keuchend drehte ich den Kopf zur Decke, alle Glieder von mir gestreckt und schloss die Augen.

Verdammt. Was zur Hölle hatte es mit diesen Träumen auf sich? Seit ich mich erinnern kann, träume ich immer wieder so wirr und immer wieder läuft dass relativ gleich ab. Ich sehe einen Mann, habe aus welchem Grund auch immer höllische Angst vor ihm, laufe weg, dann taucht irgendwann dieser Mond auf…

Warum habe ich solche Angst vor ihm?

Mein Gedanke wurden durch meinen Wecker unterbrochen. Es war so ein Wecker, der loslief wenn er klingelte und den man erst einfangen musste um ihn auszustellen. Ein richtig nerviges Ding, aber wenigstens wurde und blieb man wach. Ich versuchte ihn zu ignorieren, was gut funktionierte, bis er über die Nachttischkante lief und mir direkt auf die Nase fiel.

„Au!“, rief ich , rieb mir genervt die Nase und durchbohrte dieses kleine Horror-Ding, dass jetzt auf den Rücken lag und immer noch zappelnd „Guten morgen, guten Moooorgen“ rief, mit bösen Blicken. Dann nahm ich es in die Hand, setzte mich auf, pfefferte ihn auf mein Bett und schaltete mein Licht an. Die munteren Rufe waren verstummt. Ich sah meinen Wecker auf meiner Decke liegen. Wahrscheinlich war er an die Wand gekracht, denn die Batterie war hinaus gefallen und einer der Plastikflügel kaputt. Ich hatte ihn noch nicht lang gehabt, darum hatte ich auch keine Ahnung, wie ich ihn auf normalen Weg ausschaltete. Meistens drückte ich willkürlich ein paar Knöpfe. Manchmal klappte es. Manchmal halt nicht.

Naja. Immerhin war er jetzt ruhig.

Nachdem ich mich fertig gemacht und meinen Rucksack gepackt hatte, war keine Zeit mehr zum Frühstücken gewesen. Auffällig war nur die Ruhe, die im Haus herrschte. Wir wohnten in einem Flachbau, da brauchte man nur mal ein bisschen zu fest auftreten, schon weckte man alle im Haus. Aber mir sollte es recht sein. So stand ich nun an der Bushaltestelle. Es war noch dunkel, und die Strukturen der Häuser konnte man nur mit Mühe ausmachen. Zumal es in diesem Mini-Kaff nur ungefähr drei Straßenlaternen gab.

Irgendetwas war heute anders. Etwas… mysteriöses lag in der Luft. Erneut dachte ich an meinen gruseligen Traum. Irgendwo hatte ich mal gelesen, dass Träume einem Geschehnisse aus Zukunft und Vergangenheit schilderten. Aber war das nicht etwas weit hergeholt…?

Ich schüttelte wild den Kopf.

Du hast weder Zeit noch Platz im Kopf für solche Spinnerreien, Sophie.

Wahrscheinlich bildete ich mir dass nur ein.

Als der Bus mit fünf Minuten Verpätung kam, grüßte ich mehr oder weniger freundlich den Busfahrer (der mich nur anknurrte, ich hätte kein Passbild auf meinem Buspass), und setzte mich irgendwo in eine Ecke.

Wehe, heute setzt sich jemand neben mich.

Dann bringe ich ihn um.

———————-

Es hatte sich niemand neben mich gesetzt. Auch ansonsten verlief mein Schultag ziemlich normal. Eine drei in Geschichte, eine zwei in Info. Dann Volleyball in Sport. Doppelstunde Deutsch. Und dann noch Französisch. Buä.

Immerhin, ich lebe noch. NOCH! Sonst würde ich jetzt nicht in vor der Essensschlange in unserer Mensa stehen und Däumchen drehen. Die Schlange endete kurz vor der Ausgangstür. Ich seufzte. Verdammt, das war der Essenssaal und keine öffentliche Großveranstaltung! Um mich herum spielten ein paar Fünftklässler lautstark Fanger und hinter mir unterhielten sich ein paar Mädchen meiner Klassenstufe darüber, welcher Typ wie lange und oft mit welchem Mädel zusammen gewesen war. Verächtlich blies ich durch die Zähne.

Für mich kam eine Beziehung mit meinen vierzehn Jahren gar nicht in Frage. Wenn überhaupt war für mich das Mindestalter für eine richtige, funktionierende Beziehung fünfzehn. Ich weiß, da bin ich kurz davor, ein paar Tage um genau zu sein, aber egal. Ich halte mich an meine Grenzen und überhaupt habe ich nicht das Bedürfniss mit irgendwem eine tiefere Bindung einzugehen. Punkt.

Ich war sowieso für alle schon immer etwas komisch gewesen. Ziemlich still, aber halt nicht brav. Ich hatte schon mal fast einen Schulverweis wegen schwerer Körperverletzung und Sachbeschädigung bekommen. Meine Eltern waren mir fremd. Sie meinten immer, ich wäre nicht mehr das Mädchen, dass ich vor vier Jahren gewesen war.

Vor vier Jahren, da hatte ich einen Unfall mit einem LKW, der mich auf meinem Fahrrad übersehen und angefahren hatte.  Danach lag ich fünf Wochen auf der Intensivstation, fast zwei Wochen davon schwebte ich in Lebensgefahr. Der Arzt hatte meinen Eltern nicht mehr viel Hoffnungen gemacht. Doch dank zahlreichen Operationen und einem „Wunder“ wie der Arzt meinte, habe ich überlebt. Meine Mutter sagt, als sie mich danach das erste Mal wieder sah, sah ich ziemlich verändert aus. Sie meint dann immer, dass das wohl an den vielen Operationen gelegen hatte. Doch aus irgendeinem Grund glaube ich ihr das nicht.

Klar, ich hatte ziemlich was abbekommen, auch an Kopf und Gesicht. Aber tatsächlich sah ich auf Kleinkinderfotos nicht wirkich wie ich aus. Ähnlich, ja, aber auch fremd. Außer den blonden Haaren, die hatte ich schon immer. Nur dass meine Haare jetzt heller sind als auf den Bildern. Auch mein Charakter änderte sich.

Früher war ich, laut meinen Eltern, ein lebensfrohes Kind gewesen. Doch nach dem Unfall litt ich an dem sogenannten „Amnetistischen Syndrom“, dass bedeutet, ich kann mich nicht mehr an die Zeit vor dem Unfall erinnern. Zehn Jahre, wie weggeblasen.

Die letzten vier Jahre hatte ich kaum jemanden an mich heran gelassen. Doch ich war, trotz meines stillen Charakters, begeisterungsfähig und genoss mein Leben so gut es nur ging. Von der leichten Aggresivität mal abgesehen. Und trotzdem war da immer wieder diese Leere. Als würde jemand auf mich warten, doch ich durfte diesen Menschen noch nicht finden…

Ein Quiken riss mich aus meinem Gedankengang. Einer der Fünftklässler war auf die Nase gefallen und heulte. Ich verdrehte genervt die Augen. Wahrscheinlich wäre ich vor Langeweile gestorben, wären da nicht auf einmal zwei Mädchen auf mich zugestürmt. „Sophie, Soooophie!!“. Es waren Anabel und Marit aus meiner Parallelklasse. Wohl die einzigsten Leute auf dieser Schule die mich für normal halten. Dank ihnen musste ich dann doch nicht in einen Sarg verrotten. Schön dass es Freunde gibt.

Als ich dann endlich mein Essen hatte (eine weiße, bröcklige Pampe, die sie „Milchreis“ nannten), setzte ich mich neben Anabel und Marit. Doch ich kam gar nicht zum Essen. Anabel und Marit plapperten unaufhörlich auf mich ein. Schule dies, Lehrer das, ich habe mich daran gewohnt. Ich war Marit und Anabel wirklich dankbar, dass sie mich als ihre Freundin akzeptierten. Es gab nicht viele, die das tun. Über meinen Gedanken hinweg dankbar lächelnd, führte ich meinen ersten Löffel Milchreis zum Mund, als es auf einmal einen Knall gab.

Einen ohrenbetäubenden Knall.

Mir fiel der Löffel aus der Hand. Am anderen Ende der Mensa schien irgendetwas explodiert zu sein. Ein Teil der Wand und der Decke war eingefallen und hatte einige Schüler unter sich begraben. Ich wollte gerade aufspringen und helfen, sie zu befreien, als ein weiterer Knall ertönte – direkt hinter mir.

„Runter!“, schrie ich zu Anabel und Marit und flüchtete selbst unter den Tisch, mit Absicht etwas schwungvoller, damit der Tisch umfällt und wir uns ducken können. Die Tischplatte quetschte mir allerdings mein Bein ein. Ich zog scharf die Luft ein und befreite mich, während die zweite Explosion Teile der Mensawand in alle Richtungen schleuderte.

„Was ist das? Wo ist Marit?“, wimmerte Anabel neben mir.

„Keine Ahnung!“, versuchte ich den Lärm zu übertönen. Müsste sie denn nicht hier sein? Verdammt, gerade eben war sie doch noch da gewesen! Meine Wade pochte schmerzhaft, doch ich versuchte den Schmerz zu verdrängen. Suchend sah ich mich um. War das ein Anschlag? Warum zur Hölle sprengt jemand die Mensa?

„Da!“, rief teils erleichtert, teils verzweifelt. Sie zeigte auf eine Stelle links von ihr. Ich sah Marit neben dem Tisch liegen, den wir als Schutzschild benutzten. Sie blutete am Kopf. Mit der Hilfe von Anabel brachte ich Marit so gut es ging außerhalb  der Schusszone, hinter die seitlich liegende Tischplatte und betrachtete ihre Wunde am Kopf.

„Sie ist von einem Stein getroffen worden.“ stellte ich fest. Ich vermutete es zumindest. Von draußen drangen Schüsse. Männer in schwarzen Uniformen rannten an der gesprengten Mensawand vorbei. Gleich würden sie reinkommen und uns festnehmen oder erschießen…

„Marit!“, schrie Anabell neben mir. „Marit ist tot!“.

„Sie ist nicht tot, nur bewusstlos!“, erklärte ich schroff.

Wieso habe ich keine Angst? Bin ich eigentlich verrückt?

„Wir müssen ihr helfen!“. Anabel weinte. Ich packte sie am Arm.

„Anabel, dass einzige was wir jetzt müssen ist raus hier!“.

„Nein!“. Sie riss sich los. „Sonst stirbt sie wirklich!“.

„Und wir auch!“, schrie ich sie an. Diesmal hatte ich wirklich allen Grund, aggressiv zu werden. Ich hatte natürlich ein schlechtes Gewissen, aber Himmel, ich war kein Protagonist aus einem Buch, der alle gleichzeitig und vor allem lebend aus so einer Situation bringen kann. Anabel zögerte einen Moment bis sie sagte:

„Dann geh du.“

Ich schaute sie verdutzt an. Sollte ich sie wirklich hier alleine lassen? Die Männer schrien sich draußen gegenseitig Befehle zu. Gleich würden sie reinkommen.

Nein. Ich war auf einmal zu allen entschlossen.

„Nein.“, wiederholte ich knapp, diesmal laut, und packte Anabel wieder am Arm. Ich zog sie hinter mich her Richtung Ausgang. Die Tür war von Wandbrocken zugeschüttet. Anabel schrie immer noch: „Nein, lass mich los! Marit!“. Aber ich hatte nur ein Ziel: den gesprengten Teil am Ende der Mensa. Der einzige Ausgang…

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