NW (2) – Getaway

Ich lief ohne mich auch nur einmal umzuschauen. Anabel hatte aufgehört sich zu wehren, sie ließ sich jetzt einfach von mir mitziehen. Wie eine Puppe. Ich konnte nur hoffen, dass sie nicht im falschen Moment aufhört zu kämpfen. Wenn sie das nicht schon längst hatte…

 Ich hörte Schüsse. Mit jedem Schussgeräusch schien sich mein Adrenalinpegel zu steigern. Endlich waren wir am Ende der Mensa angekommen. Ich blieb aprupt stehen. Anabel taumelte noch ein paar Schritte nach vorn. Ich zog sie zu mir und sah ihr direkt in die Augen.

„Anabel, hör zu.“ Ich deutete auf das große Loch in der Mensawand. Die Mensa war ein Stück unterirdisch, deswegen stand das Stück Mauer, das unter der Erde gebaut war, noch. Sie war ungefähr zwei Meter hoch. Zu hoch, um ohne Hilfe darüber zu steigen.

„Wir machen Räuberleiter. Ich steig zuerst hoch und hole dich dann nach.“, erklärte ich Anabel.

„Kann ich nicht zuerst hoch steigen?“, fragte Anabel. Ängstlich schaute sie sich um. Diese Leute, die sich immer noch Befehle zuschrien, schienen irgendwas oder irgendwen zu suchen.“Ich habe Angst.“

Ja klar. Jetzt wollte sie unbedingt weg.

„Nein, das geht nicht. Ich bin zu schwer für dich, du kannst mich nicht hochziehen.“ Tatsächlich war Anabel eine Niete in Sport. Und ich nicht die Leichteste. Ich lächelte ihr aufmunternd zu. „Komm schon. Wir schaffen das.“

Ohne ihre Antwort abzuwarten, zerrte ich sie zu der Mauer. Anabel legte die Hände aufeinander und hielt sie mir, wenn auch mit unsicheren Blick, hin. Ich war gerade groß genug, um mich mit beiden Händen an der Mauer festzuhalten, während ich auf einem Trümmerhaufen stand. Ich stellte meinen Fuß auf Anabels Hände, federte ein paar mal auf und ab und stieß mich nach oben. An der scharfen Kante ritzte ich mir meine Hose und mein Knie auf. Auch mein Pullover kam nicht heil davon. Aber wenigstens war ich raus aus dem Käfig, sozusagen. Suchend blickte ich mich um.

Ich wusste nicht genau, was ich suchte, aber mir kam etwas in dieser Sache gefährlich vertraut vor. Ich vertraute seit dem vermeintlichen Unfall nur noch meinen Gefühlen, da es wirklich anstrengend war, sich nach der Amnesie von jeder für dich fremden Person dein Leben erzählen zu lassen. Mir kam nichts davon vertraut vor, was meine Eltern, Freunde und andere Verwandten versuchten zu beschreiben. Ich meine, es hätte ja jeder kommen können und mir irgendeine erfundene Story erzählen können. Nach einer Weile hatte ich diese, für mich „falschen“ Erinnerungen als Geschichte eines anderen Mädchens verstanden. Dann war es sogar ganz lustig gewesen mit anzuhören, wie dieses Mädchen gelebt hatte.

Meistens wollte ich aber auch etwas verdrängen. Die Ärzte und vor allem meine persönlich zugeteilte Psychologin hatten mich jeden Tag gefragt, ob ich mich an etwas erinnern kann. Ich verneinte die Frage jedes Mal trotzig, doch da waren Spuren meiner Vergangenheit in meinem Kopf. Sie kamen nachts, als Albtraum, sie fesselten mich in diesen Träumen und drohten mich zu verschlucken. Und sie hielten bis heute an. Tagsüber verdränge ich diese verdrehten Erinnerungen und konzentriere mich auf Wesentliches. Doch jetzt, seit dem Moment der ersten Explosion, meinte ich zu spüren, dass ich dieses Mal meiner Vergangenheit nicht entkommen kann.

„Sophie!!“, kreischte eine verzweifelte Stimme unter mir. Ich fuhr herum. Stimmt ja, Anabel! Mit verheultem Gesicht stand meine Freundin hinter der Mensawand. Mit ihren ausgestreckten Armen sah sie aus, als wolle sie am liebsten hochfliegen. Ich kniete mich nah an den Rand der Wand und griff nach Anabels Hand. In diesen Moment kamen Soldaten in die Mensa gestürzt. Anabel kreischte erneut auf. Ohne zu zögern zog ich sie hoch.

Oder eher gesagt, ich versuchte es.

Aber Anabel war zu schwer. Oder ich zu schwach. Jedenfalls zielten die Soldaten mit ihren komisch aussehenden Blastern auf uns und ich brachte es nicht in die Reihe meine Freundin die Mauer hochzuziehen. Ich merkte, dass ich keinen Halt mehr fand. Verdammt! Ich würde wieder hinunterstürzen und sie würden uns beide erschießen…

„Vorsicht!“, schrie auf einmal eine Stimme hinter mir. Ein Mann, ebenfalls in Uniform, kniete sich neben mich und griff nach Anabels zweiter Hand. Zusammen zogen wir sie hoch. Erst, als wir alle drei keuchend nebeneinander saßen, konnte ich den Mann kurz genauer betrachten. Er hatte nicht die gleiche schwarze Uniform an wie die anderen Soldaten. Seine Uniform war eher silbrig und hatte an einer Schultern einen lila Halbmond. Seine Handschuhe und noch andere Teile der Uniform waren schwarz. Er trug einen ebenfalls schwarzen Munitionsgürtel. Das einzige was bei ihm nicht zu finden war, war ein Helm.

„Kommt schon!“, unterbrach der Mann meine Gedanken. Die anderen Soldaten eröffneten dass Feuer. Ich sprang auf, als ich auf einmal hinter mir einen Schrei hörte.

Anabel.

Ich drehte mich um und sah nur noch, wie meine Freundin mit weit aufgerissenen Augen und offenem Mund rückwärts die Mauer runterfiel. „Lauf!“, schrie der Mann, der sie eigentlich gerettet hatte. Er duckte sich hinter der Wand und schoss auf die Soldaten, die Anabel getötet hatten. Ja, laufen, das war eine gute Idee. Aber wohin? Egal nur weg von hier! Ich rannte los, die Schulstraße hoch zum Einkaufscenter. Alle Häuser die ich sah waren teilweise bis ganz zerstört. Ich lief an einem brennenden Auto vorbei. Dann durchquerte ich die Ladenpassage des Einkaufscenters. Bei meinem Sprint war ich zwei Schüssen der Soldaten nur knapp ausweichen können. Sie schossen nicht mit Kugeln, sondern mit komischen hellblauen Lichtblitzen. Keine Ahnung, was genau die anstellen können, aber sie erfüllten ihren Zweck, dass hatte ich mit eigenen Augen gesehen.

Auf einmal stand ich auf einem Platz, den ich zuvor noch nicht gesehen hatte. Ein Innenhof. Auch hier lag alles in Schutt und Asche. Mir wurde schwindelig. Warum zur Hölle… Was wollten diese Männer? Wieso legten sie die Stadt in Schutt und Asche? Und Anabel… und Marit… sind tot? Wegen… mir?

Bei mir drehte sich jetzt vollends alles. Die Ereignisse der letzten Sekunden und Minuten überrollten mich. Das letzte was ich sah war, wie der Boden auf mich zukam, dann wurde mir schwarz vor Augen…