NW (3) – Jaden

Das Erste, was ich sah, als ich erwachte, war eine grelle Lampe, welche direkt über mir hing.

Das Erste, was ich dachte, war: ‚Welcher Idiot hat das Licht angelassen, wie soll man denn da schlafen?‘

Dann brachen die Erinnerungen über mich herein wie eine tosende Welle.

Ich habe nicht geschlafen, ich war bewusstlos.

Unsere Mensa wurde gesprengt, die Stadt in Schutt und Asche gelegt.

Marit ist tot.

Anabel wurde erschossen.

Wo zur Hölle bin ich?!

Ich versuchte, mich aufzusetzen. Großer Fehler, denn sofort wurde mir wieder schwindelig und ich ließ meinen Kopf zurück auf das Kissen fallen. Liegend versuchte ich mich so gut es ging umzusehen. Das hier war wohl so eine Art Krankenzimmer. Jedenfalls ließen die weißen Wände und die Arztgeräte, die da hinten auf dem ebenfalls weißen Tisch lagen, es vermuten. Ich gab mir einen Ruck und setzte mich erneut mit Schwung auf. Einer Art gepolsterten Koje diente mir als Bett. Man musste sich beim Sitzen ducken, um nicht mit dem Kopf an die Decke zu stoßen. Ich fluchte, weil mir genau dass gerade eben passiert war.

War dass alles nur ein Traum gewesen? Dafür schienen mir meine Kopfschmerzen und das Schwindelgefühl zu groß zu sein. Stöhnend massierte ich mir die Schläfen und überlegte. Das mit dem Traum war gar nicht so weit hergeholt. Vielleicht hatte ich mir den Kopf gestoßen, und zwar heftiger als eben, und war jetzt in einem Krankenhaus gelandet. Allerdings…

Ich betrachtete die Wand zu meiner linken. Irgendetwas stimmte da nicht. Sie war irgendwie… nicht so glatt wie alle anderen Wände hier im Raum, sondern eher… na ja, buckelig. Ich ging rüber und strich mit der Hand über die Fläche. Sie war kalt und fühlte sich an wie… Stein! Die Wand bestand aus einem einzigen, riesigem, weiß angestrichenem Steinblock! Aber mit zwei Meter hohen, ungeschliffenen Steinblöcken baute man doch kein Haus. Befand ich mich vielleicht… unterirdisch? Aber Krankenhäuser haben doch keine Keller? Und wenn doch, dann behandeln sie doch bestimmt nicht ihre Patienten da unten. Nein, ich konnte mich nicht in einem Krankenhaus befinden….

Aber wo war ich dann?

„Ah, du bist aufgewacht, Kleine!“, sagte auf einmal eine Stimme hinter mir. Ich wirbelte herum, bereit, einen möglichen Gegner anzugreifen. In der Tür stand der Soldat, welcher Anabel und mir geholfen hatte, zu entkommen. Zwar hatte es bei Anabel nicht viel gebracht, aber ich wäre ohne ihn bestimmt schon längst tot. Erst jetzt merkte ich wie ziemlich kalt mich Anabels Tot eigentlich ließ. Aber warum?

Ich schüttelte den Gedanken ab und wandte mich an den Soldaten. Dabei merkte ich, wie verwirrt ich eigentlich noch war.

„Ja…ja, ich bin aufgewacht…“

„Und?“

„Was und?“

„Wie geht’s dir?“

Ich überlegte. Meine Freunde sind vorhin umgebracht worden, mich hätte man selbst fast gekillt und vor einigen Minuten war ich hier allein in diesem verwirrend eintönigem Zimmer aufgewacht, ohne die leiseste Ahnung zu haben, wo ich bin, dazu kamen höllische Kopfschmerzen, mehr als leichter Schwindel und ein unangenehmes Ziehen im rechten Bein. Also:

„Na ja, so schlimm ist es nicht.“

„Na, dann ist ja gut. Ich dachte nur, so etwas wie vorhin erlebst du auch nicht jeden Tag. Aber rennen kannst du gut.“

Er grinste mich dämlich an. Erst jetzt hatte ich die Gelegenheit, ihn genauer zu betrachten. Der Mann hatte schwarze kurze Haare, war ungefähr eineinhalb Köpfe größer als ich und auch gar nicht so viel älter. Sechzehn, siebzehn Jahre vielleicht. Er hatte relativ große braun-graue Augen und seine Gesichtsform war eher…eckig. Unter dem rechten Auge hatte er eine kleine Narbe und man sah ihm wirklich an, dass er ein Soldat war. Durch seinen kräftigen Körperbau sah er auf dem ersten Blick auch viel älter aus, als er wahrscheinlich ist.

Und offenbar machte er sich über mich lustig.

Arschloch.

Doch bevor ich ihm meine Meinung sagen konnte, ergriff er wieder dass Wort:

„Komm jetzt! Wir haben dich schließlich nicht umsonst hierher gebracht.“

Bitte? „Warum bin ich denn hier?“ Auffordernd sah ich ihn an. Er überlegte einen Moment. Dann sagte er:

„Das weiß ich selber nicht so richtig. Und jetzt komm endlich!“

Ich zögerte. Mit fremden Typen mitzugehen ist nicht so mein Ding, auch wenn sie mich mehr oder weniger gerettet hatten. Aber schließlich siegte die Neugier. Ich schlüpfte neben ihm durch die Schwingtür. Er konnte sie gerade noch festhalten, bevor sie gegen seinen Kopf donnerte. „He, halten junge Mädchen älteren Herren nicht eigentlich die Tür auf?“

Mann, der Typ war ja kaum auszuhalten! Sein schmieriger Ton ging mir auf die Nerven! Immerhin wusste ich jetzt, wem ich definitiv nicht trauen werde.

Mr. Obermacho (so nannte ich den Typen jetzt, auch wenn’s vielleicht übertrieben klingt) führte mich in ein genau so eintöniges Zimmer wie das Krankenzimmer, allerdings war es nicht eintönig weiß sondern eintönig grau. Super. Er hatte mir die ganze Zeit nicht sagen wollen, wo ich mich hier befand und warum man mich hierher gebracht hatte. Dafür hasste ich ihn nur noch mehr.

Ich weiß, das ist vielleicht etwas übertrieben. Aber Menschen von Anfang an nicht ausstehen zu können, das war mein Spezialgebiet. Keine Ahnung, von wem ich das hatte, aber es brachte mir nicht gerade viele Freunde ein. Verständlich, wenn ich das anmerken darf, doch ich habe gelernt damit zu leben.

Vielleicht war es auch einfach mein Überlebensinstinkt, der mich daran hinderte den Typen zu mögen, ganz gleich, was er für mich getan hatte.

„Warte hier.“, sagte er, nachdem er mich in die Mitte des Zimmers platziert hatte, und ließ mich einfach allein.

Ich schnaubte verärgert.

Was bildete er eigentlich ein? Ich versuchte, den Gedanken an ein wenig Toleranz aus dem Weg zu schieben. Menschen vertrauen, dass hatte ich noch nie gekonnt, wie ich eben schon erwähnt hatte. Außer in Gefahrensituationen, wie ich vorhin gemerkt hatte. Aber vielleicht lag es ja dieses mal nicht an mir, sondern wirklich an ihm und seinem Charakter.

Ich sah mich um. Im Gegensatz zum Krankenzimmer war in diesem Raum keine Wand aus Stein und es waren auch mehr Möbel vorhanden. Zwei Maschinen, mit denen ich nichts anfangen konnte, ein kleines Regal, in denen noch kleinere metallene Kisten mit Symbolen gestapelt waren, eine runde Lampe an der Decke des Zimmers und ein Tisch mit einer Art Landkarte darauf. Ha! Gleich würde ich wissen, wohin man mich verschleppt hatte!

Leider konnte ich mit der Karte so gut wie gar nichts anfangen. Das Land, das darauf gezeichnet war, sah aus wie eine Art Fantasiewelt.  Wie ein verschnörkeltes Dreieck. Es hatte laut Karte einen kleinen Fluss und bestand zu 75% aus Wald, der Rest waren entweder Wiesen oder kleinere Waldlichtungen. Auch sonst kam mir die Karte ziemlich unrealistisch vor. Denn laut ihr war das Land eine einzige, große Insel und jemand hatte mit Bleistift zwei Gebiete eingekreist. Eins nördlich, eins eher südöstlich. Im südöstlichen stand mit krakeliger Schrift ‚Nightwatchers‘ geschrieben.

Nightwatchers? Hatte ich dass nicht irgendwo schon einmal gehört?

Auf einmal legten sich zwei Hände von hinten auf meine Schultern.

„Luna!“

Luna?

Erschrocken drehte ich mich um. Vor mir stand ein Mann, etwas größer als Mr. Obermacho, aber mit etwas abstehenden, braunen Haaren die ihm die Ohren verdeckten. Er war ungefähr achtzehn und hatte eine gerade, etwas breite Stupsnase, wie ich. Der Mann trug zur Abwechslung mal keine Uniform, sondern einen ganz normales dunkles Shirt mit einer dünnen Jacke darüber. Und eine Jeans. Und er besaß tiefblaue Augen.

Komischerweise hatte ich das Gefühl ich kenne ihn, oder habe ihn zumindest schon einmal gesehen. Nur wo?

Schule? Straße? Friseur?

Ich schüttelte den Kopf und damit den Gedanken ab. Vielleicht fand ich ihn auch einfach…sympathisch. Er war auf alle Fälle nicht so komisch wie Mr. Obermacho.

Bis auf die Tatsache, dass er mich angrinste, als hätte er gerade seinen verschollenen Lieblingsteddy wiedergefunden.

„Ich heiße nicht Luna.“, klärte ich ihn auf. „Ich bin Sophie.“

Sein Lächeln versiegte. Fast tat er mir Leid. Vielleicht sollte ich mich doch als Luna ausgeben. Er löste sich von mir und fing an, nervös im Raum umherzustapfen. „Eigentlich hatte ich gedacht, dass du dich wieder erinnerst, wenn du mich siehst.“

„Mich erinnern? Woran denn? Ich wüsste viel lieber erst mal, wohin und vor allem warum man mich hierher verschleppt hat. Oder wie sie heißen.“

Bei dem Wörtchen ’sie‘ blieb der Mann stehen und runzelte die Stirn. Dann lächelte er. „Ich bin Jaden. Du bist im Quartier der Nightwatchers. In Sicherheit. Und duze mich bitte. „

Wow, wenigstens einer mit guten Manieren. Mehr oder weniger.

Allerdings gefiel mir das, was er als nächstes sagte, erst einmal überhaupt nicht.

„Ich bin schließlich dein Bruder.“

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