NW (4) – Memories

„Jaden!“

Ich war außer mir vor Wut. Statt mir alles in Ruhe zu erklären hatte mein angeblicher Bruder sich die Karte vom Tisch geschnappt und war mit einem knappen „Ich erkläre es ich dir später“ aus dem Zimmer gestampft. Mr. Obermacho war nur neben der Tür stehen geblieben und hatte mich weiter blöd angegrinst. Dann bin ich Jaden hinterhergerannt. Und Mr. Obermacho mir. Und nun stampfen wir alle drei schnellen Schrittes durch einen verflucht langen Gang.

„Jaden! Bleiben sie gefälligst stehen! Ich verlange eine Erklärung!“

„Ich hab gesagt, ich erklär’s dir später.“

„Ich will es aber gefälligst jetzt erklärt haben! Sie können doch nicht einfach so abhauen! Jaden!!“ Mag sein, dass ich wie eine Siebenjährige klinge, aber man muss sich durchsetzten.

„Luna!“ Jaden fuhr herum. „Erstens: Du sollst mich duzen! Und zweitens habe ich gesagt, ich erkläre es dir später. Es ist kompliziert, ja?! Selbst für mich…!“

Er fuhr sich durch seine Haare. Verdammt, er sah gut aus. Aber er wirkte angespannt. Als ob jeden Moment irgendetwas explodieren könnte. Was für mich übrigens gar nicht einmal so abwegig war.

„Na gut.“, sagte er jetzt. „Vielleicht ist es sogar gut, zu reden. Womöglich kommt die Antwort beim Reden.“ Er seufzte noch einmal und lächelte mich müde an. „Na dann, komm mit, Luna.“

Ich überlegte, ob ich nicht noch mal einwerfen sollte, dass ich Sophie und nicht Luna hieß,  ließ es aber dann doch. Ich hatte mein Ziel erreicht und wollte nicht länger nerven. Meinetwegen duze ich ihn auch, wenn es ihm so wichtig war. Vorerst. Etwas gelassener folgte ich Jaden, der mich in einen größeren Raum als eben brachte, immer noch dicht gefolgt von Mr. Obermacho. Hier waren die Wände dunkelgrau gestrichen. Kein Wunder dass die hier alle etwas verrückt waren. Bei den tristen Wandfarben…

„So!“ Jaden legte die Karte auf den großen, von Stühlen umringten Metalltisch, der mitten im Raum stand. „Käptain, schließen sie bitte die Tür.“

Erst war ich verwirrt, bis Mr. Obermacho hinter mir „Ja, Sir!“ sagte und die Tür mit einem leisen Klacken schloss. Moment! Hieß dass etwa…

„Mr….Der Mann ist ein Käptain?“ Keine Ahnung was ‚Käptain‘ hier genau bedeutete, aber es klang wichtig und ich kannte den Begriff aus solchen Raumschifffilmen. Da sind Käptains immer irgendwelche wichtigen Leute mit höherem Rang. Aber wir waren hier leider nicht in einem Film. Glaube ich zumindest.

Jaden lächelte mich an. „Ja, ist er. Mein Bester!“

„Und Einziger.“, warf Mr. Obermacho ein.

„Und wieso Käptain? Ist das hier so eine Art… Militärbasis?“

Mr. Obermacho grinste schon wieder blöd. Himmel, ging er mir auf den Geist! Auch Jaden zuckte belustigt mit den Mundwinkeln und erklärte zögerlich: „Also…ja. Und nein. Soll heißen, Käptain Skills ist nur einer von vielen, die sich mir angeschlossen haben.“ Skills! Blöder Name. Was für Fähigkeiten hatte er denn bitte schön? Ich warf ihm einen verstohlenen Blick zu.

„Angeschlossen? Wofür? Seid ihr, äh…Rebellen? Und du bist, sozusagen, der Lokalpatriot hier?“ Ich war nicht zu stoppen. Jaden lachte. „Ist zwar blöd ausgedrückt aber ja, das bin ich. Und das mit den Rebellen ist auch nicht so falsch. Hast du sonst noch Fragen?“

Ich verschränkte meine Arme und überlegte kurz, was ich fragen wollte. „Ja. Wo genau bin ich hier? Was seid ihr für Rebellen? Gegen was rebelliert ihr? Warum habt ihr mich entführt? Was zur Hölle ist mit meinen Freundinnen passiert? Wieso behauptest du, du wärst mein Bruder? Und wer sind die Nightwatchers?“

„Wow! Das sind wirklich viele Fragen! Aber gut. Also: Noch mal für alle. Du bist im Quartier der Nightwatchers. Keine Ahnung woher du den Namen noch kennst, so ganz ohne Erinnerung.“

„Ich hätte die Kleine vielleicht nicht allein im Terminal lassen dürfen.“, warf Skills ein. Ich fuhr herum und wollte gerade den Mund öffnen, um ihm Kontra zu geben, da mischte sich Jaden ein. „Hey, soll ich es dir jetzt erzählen, oder wollt ihr zwei euch streiten?“ Ich klappte meinen Mund wieder zu und wandte mich zurück an Jaden.

„Mach weiter. Bevor ich platze.“

Jaden lächelte sanft. „Du hast dich kaum verändert. Also, wo waren wir? Quartier, genau. Das darfst du dir nicht wie eine riesige Festung oder so was vorstellen, nein, wir haben unser Versteck, in dem du dich gerade befindest, unterirdisch gebaut. Ein unterirdisches Labyrinth aus Gängen und Räumen.“

Ha! Unterirdisch! Wusst ich’s doch!

„Zu deiner nächsten Frage: Wir‘ rebellieren‘ gegen meinen… unseren Vater.“

Ich stutzte. Ein Bild meiner Erinnerung war urplötzlich und unvorbereitet in meinen Gedanken aufgetaucht. Ein Mann mit dunklen, leeren Augen, seine ganze Gestalt schien dunkel zu sein. Es war der Mann aus meinem Traum. Es war mein… Vater? Irgendetwas stimmte hier nicht. Ja, ich kannte Jaden von irgendwo her. Das wusste ich auf einmal ganz genau. Aus einer Welt, die mir all die Jahre so unwirklich vorkam. Eine Welt, die ich verleugnet hatte. Weil ich Angst hatte. All meine Erinnerungen waren die Jahre über irgendwo im hintersten Teil meines Kopfes aufbewahrt worden, dort, wo man ohne Hilfe nicht drankam. Aber jetzt waren einige Teile wieder frei. Und schossen mir durch den Kopf.

Da lag meine Mom auf dem Boden. Meine richtige Mom. Sie war blutüberströmt und ein Schwert steckte in ihrer Brust. Neben ihr stand mein Vater. Er zog dass Schwert aus ihr heraus und lächelte mich an. Es war ein böses Lächeln. Ich schrie auf und rannte zu meiner Mutter. Ich kniete mich neben sie und hielt ihre Hand. Mom, nein. Nein, nicht, bitte Mummy, wach auf! Mein Vater hockte sich neben mich. Sie wird dir nicht antworten, sagte er und strich mir eine Strähne aus dem Gesicht. Seine Hand war blutverschmiert. Ich zitterte. Schließlich packte er mich am Handgelenk.

Komm, jetzt. Sie ist sowieso verloren.

Und dann war da Jaden.

Er kam aus dem Nichts hervorgesprungen und stürzte sich auf meinen Vater. Lass sie in Ruhe, schrie er, lass meine Schwester in Ruhe! Mein Vater brüllte vor Zorn und warf mich zu Boden, Jaden rief mir etwas zu und ich rannte in den Wald…

„Luna!“ Jadens Stimme ließ mich aus meiner Trance erwachen. Er hockte vor mir und hielt mich an den Schultern fest.

Und ja er hatte Recht. Ich war Luna, nicht Sophie. In dieser Welt war und bin ich Luna. Und obwohl da immer noch Lücken in meiner Erinnerung waren, wusste ich nun, dass ich Jaden vertrauen konnte. Er war mein Bruder. Mein richtiger Bruder. Er hatte mich gerettet. Zitternd ließ ich mich in seine Arme fallen.

„Jaden…“

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