NW (5) – Good morning in darkness

Mir war schwarz vor Augen, als ich wach wurde. Ich brauchte einen Moment bis ich registriert hatte, dass ich in meinem Bett lag. Ich setzte mich auf und versuchte mich zu erinnern, wie ich gestern überhaupt ins Bett gekommen war. Ich wollte schon hinter mich greifen an die Wand, wo in meinem Zimmer sich eigentlich ein Lichtschalter befand, da fiel mir ein, dass ich ja gar nicht „zu Hause“ war.

Nein, ich war immer noch in der *Ähem* Militärbasis meines Bruders Jaden. Ich tastete die Wand hinter mir ab und seufzte. Natürlich war da dann auch kein Lichtschalter wie in meinem Zimmer. Ich starrte in die Dunkelheit und atmete noch mal tief durch, bevor ich aufstand und die Wände abtastete. Na toll. So fängt mein Tag gerne an. Durch die Dunkelheit stolpernd und nach dem Lichtschalter suchend. Nach einer Weile wusste ich nicht mal mehr in welcher Ecke des Zimmer ich genau war. Fluchend stakste ich durch den Raum bis ich entgültig stolperte. Im gleichen Moment ging die Tür auf und ich fiel genau in Jaden’s Arme.

„Guten morgen, Luna. Warum rennst du denn durchs Dunkle? Mach doch Licht an.“ Er half mir mich wieder aufzurichten. Dann drückte er auf einen kleinen Knopf neben der Tür. Von einer Sekunde auf die andere war das Zimmer mit hellblauem Licht gefüllt. Ich hätte schreien können.

„Du solltest dich umziehen.“, riet Jaden mir jetzt. „Guck dich mal an.“

 Ich sah an mir herab. Er hatte recht. Ich trug immer noch Jeans und Pullover von gestern und diese waren immer noch zerrissen.

„Hast Recht. Und was soll ich anziehen? Ich hatte keine Zeit mir Wechselsachen mitzunehmen.“ Ich konnte den vorwurfsvollen Unterton nicht unterdrücken. Zu Recht. Wer hatte mich denn hierher entführt, er oder ich?

„Guck im Schrank nach.“ Jaden achtete nicht auf den internen Vorwurf und zeigte auf ein halbrundes, dunkelgraues Ding, das bis zur Zimmerdecke ging und eher einer Dusche statt einem Schrank ähnelte. „Ich hoffe, es passt dir. Und komm bitte zu mir, wenn du dich umgezogen hast.“

Einige Sekunden lang verlor ich mich in Jadens Gesicht. Und du bist wirklich mein Bruder? Es kam mir immer noch so unwirklich vor. Und trotzdem konnte man dieses innige Vertrauen spüren, dass er in mich setzte. Kurzerhand beschloss ich, es ihm gleich zutun.

Ich wusste nicht warum. Vielleicht, weil ich das Gefühl hatte, es ihm schuldig zu sein. Vielleicht aber auch, weil er der erste Mensch ist, bei dem ich sicher sein kann, das er nicht lügt. Es ist meine Erinnerung, in die er eingebrannt ist. Diesmal ist sie echt, da bin ich mir sicher. Denn niemand kann mich fälschen.

Ausserdem bin ich froh, endlich mal einem Menschen nahe stehen zu können.Das Risiko, enttäuscht zu werden, bin ich eigentlich noch nie eingegangen. Aus reiner Angst. Aber dieses Mal habe ich komischerweise keine Angst davor.

Genauso schnell wie mein Bruder aufgetaucht war, war er aber auch wieder verschwunden und ich stand vor der geschlossenen Tür.

„Ja, sir.“, murmelte ich und schlurfte missmutig zum Schrank. Klar, dass er sich als ‚Anführer‘ einer… Rebellenbasis einen Befehlston angewöhnt hatte, aber ich werde nicht gern herumkommandiert. Er wahrscheinlich auch nicht. Nachdem ich endlich herausgefunden hatte, wie man den Schrank öffnet, war ich erstaunt. Ich hatte einen einfachen neuen Pullover und Jeans oder so erwartet. Was ich stattdessen sah war… eigenartig.

Auf einer der drei ordentlich aufgehängten Kleiderbügel hing ein eng anliegender, langer, schwarzer Overall mit kurzen Ärmeln und einen angenähten, ebenfall schwarzen Rock, der mit einem kleinen lila Halbmond versehen war. Auf dem zweiten Bügel hing eineebenfalls schwarze Jacke mit zwei Taschen und Kapuze. Auf ihrem Ärmel war der gleiche Halbmond wie auf dem Rock des Overalls. Auf dem letzten Bügel hing ein dünner, lila Pullover und eine umso dickere, schon wieder  schwarze Leggings die mit, man glaubt es kaum, noch einem lila Mond versehen war!

Statt mich zu fragen warum dieser blöde Mond auf den Sachen war, nahm ich den Pullover und die Leggings vom Bügel und zog mich um. Tatsächlich passte alles wie angegossen und sah nicht mal schlecht an mir aus. Zufrieden knipste ich die vermaledeite Lampe aus und ging Jaden suchen.

Auf meiner Suche traf ich einige Leute, die eine ähnliche Uniform an hatten wie Skills (War das wirklich sein Vorname?) sie trägt.  Nur die Farben waren etwas anders. Ich grüßte alle freundlich und ließ mich von ihrem irritierten Blick nicht aus der Stimmung bringen. Bis auf einmal der Käptain selbst um die Ecke kam. Prompt lief ich gegen ihn.

„Hey Kleine! Und, wie war deine Nacht in dem Bunker hier? Hattest du Probleme mit dem Licht heut‘ Morgen? Keine Sorge, du bist nicht die Einzige, der das passiert!“

Ich wich schnell zwei Schritte nach hinten. Wer hatte ihm das denn bitte schön erzählt? Jaden? Oh, ich könnte ihn!

Skills hatte wieder sein idiotisches Grinsen aufgesetzt und ging einen Schritt auf mich zu, sodass er wieder direkt vor mir stand.

„Schöne Sachen übrigens! Dunkle Farben stehen dir!“

Ich warf den Kopf in den Nacken und versuchte ihn mit meinem Blick zu töten. Als mir das nicht gelang, versuchte ich einfach halbwegs freundlich zu sein.

„Danke, Kä… Skills!“ Ich weigerte mich ihn Käptain zu nennen. Der Typ ist siebzehn und nicht mal volljährig! „Ihnen auch einen schönen guten Morgen! Haben sie meinen Bruder gesehen? Er hat mich zu sich gebeten…“

Der Käptain sah mit erhobener Augenbraue auf mich herab. Wieso bin ich so klein? Oder ist er einfach zu groß? Wieso interessiert mich das?

„Nein, ich suche ihn selber.“, antwortete Skills betont lässig. „Und… nenn mich Jack! Skills ist nur mein… zugegeben ziemlich bescheuerter Deckname. Fast so wie Luna. Nimm’s mir nicht übel, aber heißt das nicht „Mond“?“

BITTE? Hatte ich mich gerade verhört?! War „Skills“ denn besser?! Ich töte, töte, töte ihn! Und ich hatte mir EXTRA Mühe gegeben, freundlich zu sein!

Tief durchatmen, Luna.

Tief durchatmen.

„Gut. Danke für die Auskunft. Wehe, sie nennen mich beim Vornamen.“

Ich warf meine Haare in den Nacken und stakste wütend an ihm vorbei. Während ich weiter nach Jaden suchte, dachte ich darüber nach, warum zur Hölle Mr. Obermacho einen Decknamen hat. ‚Nenn mich Jack‘. Pah. Obwohl der Name Jack eigentlich ziemlich gut zu ihm passte…
Na und? Der Typ ist ein Arschloch. Kann mir doch egal sein, wie er heißt. Ich kenn ihn doch sowieso erst seit… 

Wie viel Zeit war eigentlich schon vergangen seit ich hier bin? Zwei Tage, mindestens. Oder nur einer? Blöd, wenn man unter der Erde ist.

Auf einmal kam auch Jaden um die Ecke und ich donnerte gegen ihn wie eben gegen Skills. Jack. Wie auch immer. Kurz darauf saß ich auf dem Boden und rieb mir die Nase.

„Oh man, sorry Schwesterherz! Warte ich helfe dir hoch…“

Ich achtete nicht auf die Aussage „Schwesterherz“ und ließ mich von ihm hochziehen. Misstrauisch musterte ich ihn. Vorhin hatte er noch das dunkelblaue Shirt und die helle Jeans vom Vortag angehabt, jetzt hatte er eine dicke schwarze Jacke über dem Shirt und graue Jeans an. Und einen Rucksack auf den Rücken.

„Musst du weg?“, fragte ich ihn, doch er fiel mir ins Wort.

„Hast du schon gepackt?“

„Gepackt? Wofür?“

„Für die Mission!“

„Für welche Mission?“

„Weißt du es noch nicht? Ich hatte Skills doch beauftragt doch zu informieren…“

Ups. Vielleicht häte ich nicht so schnell abhauen sollen.

Jaden seufzte. Dann deutete er mir ihm zu folgen.

„Ich erkläre es dir unterwegs.“

Mit schnellen Schritten liefen wir den Gang hinunter.

„Was für eine Mission soll das sein? Und wieso soll ich mitkommen?“

„Weil das schließlich der Grund ist weshalb du überhaupt hier bist!“

Jaden war vor einer Tür stehengeblieben und lotste mich in den Raum, der sich als eine Art Terminal entpuppte. Er war sichtlich gereizt und gestresst. Ich übrigens langsam auch. Aber ich wollte es genauer wissen.

„Ach ja? Ihr habt mich also hierher verschleppt, damit ich für eure ‚Geheimorganisation‘ arbeite?“

„Ach Quatsch! Hör zu Luna, ich will keinen Streit mit dir.“

„Ich doch auch nicht. Nur fahren meine Gedanken seit gestern Achterbahn. Vielleicht kannst du mir ja helfen?“ Den letzten Satz hatte ich extra erwartungsvoll betont.

Jaden hatte die Tür zugemacht und sich mir gegenüber am die Wand gelehnt. Er schien zu überlegen.

„Ich weiß nicht ob du das wirklich wissen willst.“

„Irgendwann würde ich es sowieso erfahren.“

Er sah mich an. Ich zog einen Schmollmund. Schließlich seufzte er.

„Na schön.“

Dann fing er an zu erzählen.

„Da gab es mal ein kleines Dorf in der Nähe des Flusses, etwas südich von hier. Es war das einzige Dorf hier in dieser damals noch so wundervollen Welt.“ Seine Augen hingen mit glasigem Blick an der Decke. „Und in diesem Dorf lebten auch wir mit unseren Eltern. Jeden Tag trafen wir uns mit den anderen Kindern des Dorfes und gingen an den Fluss, in den Wald und die Höhlen, einfach überall wo man gut spielen konnte. Dazu musst du wissen, das es bei uns eigentlich gar keinen Tag gibt. Beziehungsweise, keine Sonne. Der Mond ist unsere Sonne.“

Ein paar Bilder von spielenden Kindern waren in meinem Kopf aufgetaucht.

„Was ist dann passiert?“

Jaden senkte den Blick und seufzte. „Unser Vater ist passiert, Luna. Weißt du, ich habe ihn schon immer nicht getraut. Obwohl er bei den Menschen des Dorfes immer sehr angesehen war. Unsere ganze Familie eigentlich. Denn wir waren keine gewöhnliche Familie. Wir waren die Nightwatchers und sollten den Frieden des Dorfes bewahren.“

Aha. Deswegen hieß die Rebellenbasis hier auch so. Jaden fuhr fort. “ Wir alle hatten gewisse … Fähigkeiten. Mutter zum Beispiel konnte mit den Tieren und Pflanzen des Waldes reden und noch viel mehr, sie hat allerdings nicht sehr oft darüber gesprochen oder es gar gezeigt.“

„Und unser Vater?“

Jaden seufzte abermals.

„Er hat eine Fähigkeit die gefährlich sein kann, wenn man sie für… böse Zwecke benutzt. Er kann Gedanken und Gefühle anderer lesen und steuern und einen dazu bringen, Dinge zu tun, die man sonst nie tun würde.

Und…und er hat diese Fähigkeiten an mich vererbt.“