Zwei Männer

Zwei Männer: Eine Theaterinszenierung

Basierend auf der Kurzgeschichte von Günther Weisenborn

Text: Annelie

Rollen:  Péon

              Farmer

              Stimme aus dem Off

Info: Ich habe die meisten Handlungshinweise entfernt, sodass das Stück schauspielerisch viel Raum zur Interpretation lässt.

Der Peon wird übrigens eigentlich ohne den Akzent geschrieben. Ist ein Fehler von mir :/


(Anfangsszene: Die zwei Männer sitzen vor einem überflutetem Feld. Der Peon rutscht unruhig hin und her.)

Péon: Das Wasser ist kalt.

Farmer: Wir gehen auf das Dach.

(Der Farmer klettert aufs Dach, und reicht dem Pèon seine Hand, um ihn hochzuziehen.) Sentarse. (setz dich.)

Péon: Was, wenn der Paraná die Wände einreißt?

Farmer: Deswegen sitzen wir hier oben. Das Dach wird fortgespült werden, aber vorerst nicht sinken. Wir müssen warten.

(Auf einmal springt der Péon auf.)

Péon: Herr, die Wände…!

Farmer: Vorsicht! (hält den stürzenden Péon fest)

Péon: Wir treiben in Richtung des parque nacional.

Farmer: Nach Santa Fee… Und hier ist nur Wasser…

Péon: Wenn wir es bis Santa Fee schaffen, werden wir wohl von den Krokodilen dort gefressen. A-am besten denken wir nicht darüber nach.

Farmer: Das wäre wohl besser.

Péon: Ich muss es wohl akzeptieren.

Farmer: Was? Von Krokodilen gefressen zu werden?

Péon: Muerte. Den Tod, Herr.

Farmer: Ich verstehe.

Péon: Ihr habt jemanden, der auf euch wartet.

Farmer: Du meinst meine Frau? Fang jetzt nicht so an. Wir beide haben gerade einen gleichen Anteil an Leben.

Péon: Ich habe meine Familie verloren.

Farmer: Ich bin zufrieden mit dem was ich habe.

Péon: Aber Herr! Eure Felder sind überflutet! Sie waren eure Lebensaufgabe!

Farmer: Was ist deine Lebensaufgabe, Péon?! Was ist der Grund, der dich Tag für Tag erneut aufstehen lässt?!!

(Es entsteht eine Pause. Die zwei Männer schauen sich an.)

Péon: Euch zu dienen, Senór.

Farmer: Bueno, Péon. Ich habe meine Familie, du hast deine Lebensaufgabe. Damit bist du fast ein bisschen reicher als ich.

Stimme aus dem Off: Das Dach mit den zwei Männern treibt weiter ins Tal. Eingesperrt zwischen Tod und Wasser schweigen der Farmer und der Péon bis zum Morgen.

(Dem Péon knickt immer wieder mit dem Kopf weg, wacht aber augenblicklich wieder auf.)

Farmer: Hey! Schlaf nicht ein.

Péon: Sí.

Péon: Das Dach ist gesunken.

Farmer: Ein wenig, ja. Schilf und Holz saugen sich mit Wasser voll.

Péon: Es wird auseinanderbrechen.

Farmer: Ja, aber noch hält es.

Péon: (leise) Zu zweit sind wir zu schwer. (an den Farmer wendend) Fürchtet ihr das Wasser, Herr?

Farmer: Hast du den Krieg miterlebt, Péon?

Péon: Was meint ihr, Herr?

Farmer: Ich meine die argentinische Militärdiktatur. Damals haben sie politische Gegner der Junta, die Guerilla, verschleppt, in Geheimgefängnisse, wo die Meisten von ihnen starben. Mein Vater war auch einer der Guerilla, und auch er verschwand einfach. Eigentlich wollte er nur in die Stadt, kam aber nie wieder.

Ich selbst war nicht älter als 12, wir wohnten damals schon in Santa Sabina. Damals waren die Überflutungen der Felder noch häufiger, aber nie so stark. Mein Vater hatte damals Glück und konnte den Soldaten entkommen. Er kam zurück nach Hause, allerdings wurde er trotzdem noch verfolgt. Und ich mit ihm.

Péon: Warum? Ihr wart doch kein Guerilla?

Farmer: Ich war der Sohn, und das reichte den Junta als Argument. Mein Vater und ich versteckten und in den Feldern.

Péon: Und was hat das mit der Furcht vor dem Wasser zu tun?

Farmer: Weißt du, bis dahin war das, wovor ich am meisten Angst hatte, die Soldaten. Furcht hängt immer mit Tod zusammen, also fürchtet man sich nicht vor Dingen oder Menschen, sondern eher von der Art, wie sie einen sterben lassen. Wir übersahen damals die Flut, mein Vater und ich. Sie kam langsam, und als wir beide schon bis zu den Knien im Schlamm standen, watete ich zurück zum Hügel, wo die Soldaten unser Haus durchsuchten. Ich sagte zu meinem Vater, er solle auch kommen, aber er wollte nicht zurück. Lieber würde er ertrinken.

Ich habe es gesehen. Die Überschwemmungswelle kam von Nordwärts und auf einmal sah ich ihn nicht mehr. Ich rannte hoch zum Haus, meinetwegen sollten sie mich kriegen, mich kreischend und schreiend festnehmen und schlagen und einkerkern. Hauptsache die Flut holte mich nicht, so langsam und schweigend, ohne, dass man sich ihr widersetzen kann. Aber als ich zu unserem Haus kam…

Péon: Die Soldaten waren weg, sí?

Farmer: Sì. Sie waren weg. Nur die Flut, die blieb noch fünf Tage.

Péon: Ich will nicht sterben. Nicht so. Der Kahn hält keine zwei Stunden mehr, wenn wir beide hier drauf sitzen.

Farmer: Wenn du eine Lösung dafür findest, nur zu. Setz sie um.

Péon: Sì, Senòr. (Macht Anstalten, den Farmer vom Dach zu stoßen)

Farmer: Hier ist alles voller Nebel. Wenn wir wenigstens wüssten, wo wir sind, könnten wir uns vielleicht an Land retten.

Péon: Es hat keinen Zweck.

(Der Farmer zieht seine Zigarette aus der Hosentasche, teilt sie und gibt eine Hälfte dem Pèon über die Schulter.)

(Die beiden Männer kauen auf der Zigarette herum)

Farmer: Drei Jahre nachdem mein Vater starb und ich die Farm übernahm, fand ich dich auf einem meiner Teefelder. Tage zuvor hatte ich schon deinen Vater aufgegabelt, der vergeblich nach dir gesucht hatte. Die Militärdiktatur war seit zwei Jahren vorbei, hatte aber ihre Spuren hinterlassen.

Du warst damals sechs oder sieben Jahre alt gewesen.

Péon: Sì. Mein padre arbeitete für euch und als er starb, ich schließlich auch.

Farmer: Du warst treu. Anders als andere Arbeiter bliebst du.

Péon: Die Arbeit war nie ungefährlich, allein wegen der gefährlichen Tiere. Aber ich musste meine Familie ernähren. Die Arbeit war alles. Außerdem bin ich euch das schuldig.

(Schweigen. Schließlich erhebt sich der Péon und geht an den Rand des Daches. Er schaut nach unten und stutzt.)

Péon: Herr?

Farmer: (schaut auf)

Péon: Wir scheinen in Santa Fee angekommen zu sein.

Farmer: Woher…?

Péon: Kaimane. (Will ins Wasser springen)

Farmer: Was zur…? (hält Péon zurück) Was soll das denn?!! Hatten wir nicht gesagt, dass unser Leben nun gleichgestellt ist?

Péon: Ich diene euch, indem ich euch rette!!!

Farmer: Denkst du, ich will allein hier ausharren müssen?! Wenn du springst, springe ich dir hinterher!!! Du bist wirklich der Vater allen Unsinns!! Setz dich hin und verliere hier nicht den Mut, verdammt noch mal…!

(Der Péon setzt sich. Die Männer schweigen.)

Péon: Herr.

Farmer: (müde) Was gibt es, Péon?

Péon: Land.

Farmer: (steht auf und stellt sich neben den Pèon. Beide betrachten das Stück Land in der Ferne)

Farmer:Morgen gehen wir zurück und fangen wieder an.

Péon: Bueno.

Stimme aus dem OFF: Der Regen hörte auf.