„Abgelaufen“

Writing Prompt: Schreibe eine Geschichte mit Countdown. Beginne mit 10, Ende bei 0.

10

Das Wasser floss immer schneller. Bisher stand es nur knöcheltief, aber nicht lang und René würde wirklich in Schwierigkeiten stecken. Und nicht nur er.

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Lucia schlug sich an der Tür dir Hände wund. René ging zu ihr und hockte sich neben sie. „Hör mal, das bringt nichts, Luci.“

„Halt die Klappe!“, schluchzte Lucia und hämmerte ein weiteres Mal gegen die verschlossene Metalltür. „Du hast uns doch erst in diese Lage gebracht!“

„Wer hätte denn auch gedacht, dass sich hier so eine komische… Organisation eingenistet hat. Ausgerechnet in diesem alten Armeegebäude!“

8

„Gerade in diesem alten Armeegebäude, du Idiot!“ Lucia ging zu der anderen Seite des Zimmers und fing nun an, verzweifelt die Fenster mit ihren Fäusten zu bearbeiten.

7

Das Wasser stand ihnen inzwischen bis zu den Knien. René watete zu seiner Freundin und nahm ihre Hände. „Lucia, das bringt nichts. Das Glas ist schuss – und bruchsicher. Komm her.“

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Lucia ließ sich schluchzend in Renés Arme fallen. „Diese Mistkerle. Wieso wollen die uns was antun?!“

„Die Organisation-“

„Das ist keine Organisation!“, fuhr Lucia ihren Freund an. „Das sind nur ein paar Drogenjunkies, die nicht wollen, dass ihr kleines illegales Geschäft auffliegt, und uns deswegen loswerden wollen! Deswegen sitzen wir in diesem Loch!“

5

„Und alles nur, weil du diese ‚Spielstätte deiner Kindheit‘ nochmal besuchen wolltest! Ernsthaft, wer spielt denn als Kind in so einer Ruine?“

René schwieg.  Ihre Frage hatte Lucia nun selbst beantwortet. Sein Blick fiel auf das alte Schlüsselloch an der Tür. Noch hatte das Wasser es nicht erreicht…

4

Energisch versuchte René, die Tür zu erreichen. Der vollgesogene Stoff seiner Hose hing wie Blei an seinen Beinen, doch er schaffte es und fummelte einen leicht angerosteten Dietrich aus der Hosentasche. Im Hintergrund hörte er Lucias Schniefen. „Was machst du da?“

„Ausbrechen.“

„Wo hast du dieses Schlüsseldingsbums denn her?“

„Von meinem Bruder.“ Hochkonzentriert versuchte René, das Schloss zu knacken. Am liebsten hätte er Lucias Fragen einfach ignoriert. Er hasste es, unterbrochen zu werden, wenn er konzentriert war.

3

„Du hast einen Bruder?“

René gab nur einen bestätigenden Ton von sich.

„Wie alt ist er?“

„Lucy, BITTE!“

Lucia schwieg. Eine Weile lang konzentrierte sich René einzig und allein auf das Kratzen und Klingen, dass er mit seinem Dietrich erzeugte. Doch das Schweigen wurde kurz darauf von einem „Klong“ unterbrochen.

René seufzte. „Was machst du denn da, Lucia?“

Er wurde erst aufmerksam, als den panischen Ton seiner Freundin bemerkte. „René…?“

2

Im dem Moment als René sich umdrehen wollte, gab es einen Knall und er wurde von einem starken Wasserstrahl erfasst. Das Rohr, aus dessen löchriger Metallwand bisher das Wasser geflossen war, war auseinandergeplatzt und ließ nun fünfmal soviel Flüssigkeit in den Raum als vorher. René verlor den Boden unter den Füßen und glitt in das dreckige Wasser.

Nachdem ersten Schrecken hatte er sich wieder gefangen und ruderte mit den Armen. Prustend durchstieß er die Oberfläche und rief Lucias Namen. Diese hatte sich auf den Fenstersims gerettet und stand da der Decke wegen gebückt, doch auch schon bis zum Bauchnaben im Wasser. Mit verzweifelten Augen sah er René an. Er stockte. Der Dietrich!

Das Wasser hatte ihn verschluckt. Von der Tür war nur noch ein kleiner Teil zu sehen, der Rest war unter der Wasseroberfläche. René fluchte und wand sich wieder an Lucia. „Warte kurz. Ich bringe uns hier raus.“

Lucia nickte. Das Wasser stieg immer höher. Er musste sich beeilen. Er holte tief Luft und tauchte wieder unter. Durch die Brühe konnte er wenig sehen, doch es gelang ihm, das Schlüsselloch zu erreichen. Der Dietrich steckte noch im Schloss. Gott sei dank!

1

Schnell machte er sich daran, das Schloss zu knacken. Dank seines Tauchtrainings, dass er regelmäßig seitdem er sieben war besuchte, konnte er gute eineinhalb Minuten die Luft anhalten.

Aber mit jeder Bewegung verbrauchte er mehr Sauerstoff und Energie. Ungeduldig versuchte er, den Knackpunkt zu finden um die Tür zu öffnen. Warum dauerte das nur so lange? Sonst hatte er das Schloss in weniger als dreißig Sekunden geknackt…

Bingo!

Er hatte es geschafft. Mit seiner letzten Kraft drückte er die Klinke hinunter. Dann wurde er von einem Sog mitgerissen. Er hatte keine Reserve mehr in seinen Lungen, nicht einmal für die Sekunde, die es brauchte, um ihn in den Flur zu spülen. Er ließ sich in die Dunkelheit gleiten.

Keuchend und husten wachte er wieder auf. Geschafft!, dachte er, als er sich das Wasser aus dem Gesicht wischte. „Lucia wir-“

René stockte. Seine Freundin lag nicht weit von ihm entfernt regungslos auf den Boden. Ihre Haare waren patschnass und hatten eine dunkle Färbung angenommen.

„Lucia!“ René rutschte zu ihr herüber und bettete sie auf seinem Schoß. Ihre Augen waren geschlossen. René strich ihr eine Strähne aus dem Gesicht. „Hey, mach doch die Augen auf, Lu. Luci! Warum-“

Dann verstand er plötzlich.

0

Er konnte die Luft lang anhalten. Er hatte trainiert.

0

Aber Lucia – sie konnte das nicht.

0

Das Wasser hatte bestimmt lange die Decke erreicht, als er gerade erst angefangen hatte, wieder das Schloss zu knacken.

0

Es hatte zu lange gedauert.,

0

Es war zu spät.

0

Ihre Zeit ist abgelaufen.

Er hatte versagt.

René legte die Finger auf Lucias Handgelenk. Nichts. Kein Pulsschlag.

Nichts.

Durch die Flure des Gebäudes drangen Schritte und wildes Gebrüll. Die Männer, die sie hier eingesperrt hatten. Sie hatten ihr Ausbrechen mitbekommen und kamen näher.

Doch René bemerkte das gar nicht.

Für ihn stand die Zeit still.

0

 

 

 

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